Bilder werden geladen...
loading
Erwin Jürke Erwin Jürke Erwin Jürke Erwin Jürke Erwin Jürke

Erwin Jürke

14. April 1916, Sarajewo
Spinnereileiter
4VS, 4 HS Gloggnitz
3 Kinder

10er und 20er Jahre

Ich bin in Sarajewo geboren. Mein Vater hat dort in einer Fabrik gearbeitet. Aber wie es nach dem Mord am österreichischen Thronfolger kritisch geworden ist, hat sein Chef, das war ein Türke, gesagt: „Herr Jürke, es ist hier jetzt zu gefährlich für sie. Schauen Sie, daß Sie mit ihrer Familie nach Österreich kommen.“

Dann sind wir von Sarajewo zuerst nach Gloggnitz und dann weiter nach Innsbruck. Dann ist die Fabrik dort aber stillgelegt worden und der Vater ist nach Pinkafeld in die Putschfabrik. Die ist da gut gegangen. Er hat sich sich sogar die Waldpension in Gfangen gekauft. Da war die Lage noch gut. Es gab auch noch die Hutter & Schranz und die Posch-Fabrik. Die sind alle gegangen damals. Aber in der Früh sind schon immer sechs, sieben Leute vor dem Tor gestanden und haben gefragt, ob sie nicht da arbeiten können.

Kriegszeit

Ich war Panzerfahrer. Wir sind in Warschau vorgestoßen, aber bei jeder Kreuzung war eine Panzergranate, von jedem Kellerloch haben sie herausgeschossen. Und der Leutnant hat gesagt: „Jürke, marsch!“. Ich hab so getan, als tät ich nicht hören. Da hat er runtergetreten auf mich. „Haben Sie nicht gehört, marsch!“. Da habe ich den Gang hineingegeben und bin losgefahren. Da ist dann gleich eine Straßenbahn quer über die Gleise gelegen, dann sind die Pioniere gekommen und haben das weggeräumt. Weiter. Auf einmal hat es gekracht. Ich bin bei der Luke hinausgesprungen und hab mich links neben den Panzer geschmissen. Der Leutnant und der Funker waren tot. Und ich bin neben dem Panzer gelegen, und der Panzer hat gebrannt und es ist immer heißer geworden. Ich hab’s neben dem Panzer nicht mehr ausgehalten. Und dann war links neben mir ein Tor offen, und da bin ich reingesprungen.

Dann ist der Frankreichfeldzug gekommen. In Frankreich ist es uns gut gegangen. Essen und Trinken, schöne Frauen. Jung, wie wir waren, 19, 20jährige Bürscherl. Ah, das war ein Leben. Na, und dann sind wir wieder weg. Nach Rußland. Rußland war ungut. Rußland war ein Elend. Wir sind aufgerieben worden. Von den 240 Panzern sind 24 übriggeblieben. Die anderen sind abgeschossen worden. Wir haben noch ein Glück gehabt.

Dann hat der Rückzug begonnen. Aber ich war damals noch immer so Optimist und so siegessicher. Ich hab Urlaub gekriegt und bin da zu meiner Firma gegangen. Da hat der Generaldirektor gesagt: „Schaut nicht gut aus.“ Da sage ich: „Wieso?“ – „Die stehen jetzt an der Grenze, die Russen.“ Da sage ich: „Herr Generaldirektor, es ist egal, ob wir den Russen in Rußland schlagen oder da an der Grenze. Geschlagen wird er.“

Gefangenschaft

Auf einmal hat es geheißen, der Russe ist nur mehr 2 km entfernt. Jetzt haben wir mit unserem kleinen Haufen noch einmal die Amerikaner angegriffen, weil wir in amerikanische Gefangenschaft kommen wollten. Und das ist uns geglückt. Es ist uns gar nicht schlecht gegangen bei den Amerikanern. Auf einmal hat es geheißen, wir kommen nach Hause. Und dann sind wir weggefahren. Und einer hat gesagt: „Wir fahren in die verkehrte Richtung.“ Dabei haben uns die hineingeführt in eine Schlucht, und auf einmal sehen wir schon links und rechts russische Panzer. Da haben uns die Amerikaner den Russen übergeben, und wir sind in ein russisches Lager gekommen.

Ich war ja deutscher Staatsbürger. Jetzt ist unsere Staatsbürgerschaft aufgenommen worden. Da war so ein Russe, der hat gefragt: „Von wo?“. Da sage ich „Von Pinkafeld.“ – „Wo ist Pinkafeld?“ – „Naja, so 90 km von Wien.“ – „Austrice?“ – Sag ich: „Ja, Austrice.“ Von dem Moment an bin ich als Österreicher geführt worden, obwohl ich aber deutscher Staatsbürger war. Das war mein Glück, weil die Österreicher sind nach zwei, drei Jahren heim, die andern sind bis zu sieben Jahre dort blieben. Die Gefangenschaft war schlecht. Gehungert, gefroren. Schreiben haben wir nicht dürfen. Nur einmal, daß die daheim wissen, daß ich lebe. Wenn wir mehr gearbeitet haben, dann haben wir einen Zuschlag gekriegt. 200 g Brot. Aber das Brot, das war besser als die beste Torte.

Nachkriegszeit

Wie ich zurückkommen bin, bin ich zur Gemeinde. Da war der Zartl Bürgermeister. Da sagt er, ich weiß, du hast nie jemandem was getan, du bist in Ordnung. Da hab ich eine Lebensmittelkarte und eine Aufenthaltsgenehmigung gekriegt von ihm. Mein erster Weg war dann in die Putschfabrik. Da sagt der Chef dort: Es tut uns leid, Sie können nicht anfangen da bei uns. Der Betriebsrat hat Sie abgelehnt.“ Da sag ich „Ja aus welchem Grund?“ Sagt er: „Sie waren bei den Ausbeutern dabei.“ Damals, im 38er Jahr, waren zwei deutsche Ingenieure da, die haben alles aufgenommen. Auch wenn einer auf die Toilette gegangen ist oder eine Zigarette rauchen gegangen ist, die haben alles aufgeschrieben. Ich bin denen als junger Bursch zugeteilt worden. Wenn die gefragt haben: „Wo ist diese Apparatur?“ oder „Wo ist die Färberei?“, dann hab ich sie halt hingeführt.

Eines schönen Tages kommt mein Freund, der Fuith Fredl. Der war damals in Innsbruck. Sagt er: „Ich hätt einen Posten für dich in Innsbruck. Traust du dir das zu?“ Sag ich: „Natürlich.“ Jetzt bin ich nach Innsbruck gefahren. Ich war aber deutscher Staatsbürger und hab keinen Paß gehabt. Damals waren ja die Besatzungszonen. Da bin ich von Gfangen nach Friedberg und von dort weiter nach Graz, ich hab schwarz über die Grenze müssen bei den Russen.

In Innsbruck ist es mir gut gegangen. Nach drei Jahren krieg ich da von der Putsch einen Brief, die Zeiten hätten sich geändert, wenn ich noch Interesse hätte, sollte ich schreiben. Dann war ich ein Jahr in Pinkafeld bei der Putsch und dann bin ich in die Schwesterfabrik nach Rohrbach gekommen. Dort war der Generaldirektor Marton, der war aus Ungarn und ist bei der Revolution 1956 geflüchtet. Von Rohrbach bin ich jeden Abend nach Haus gefahren, ich hab ein Motorrad gehabt.

Ehepartner

Meine jetzige Frau war die Tochter vom Gasthaus Haas, und ich war in der Putschfabrik. Da bin ich beim Zausgehen immer beim Gasthaus vorbei. Sie haben ein Hunderl gehabt, und wenn mich der Hund gesehen hat, dann ist er gleich gesprungen. Und ich bin auch öfter hineingegangen, hab ein Glas Bier getrunken. Wenn sie abgestochen haben, dann hat’s dort immer Blunzen und Bratwürstel gegeben, aber sehr gute. Und wenn ich vorbeigegangen bin, dann hat meine jetzige Frau gesagt: „Herr Jürke, abgestochen haben wir.“ Und dann bin ich hinein. Sie hat angerichtet, und der Schwiegervater hat gesagt: „Gib ihm noch etwas drauf, der ist ja hungrig“. Ja, und so hab ich sie halt kennengelernt. Und dann ist der Schwiegervater gestorben, und dann haben wir halt geheiratet, das war 1953. Da war kein Mann im Haus, das war ein Drei-Mäderl-Haus.

Das war ein sehr gutes Lokal. Mein Schwiegervater hat zu den Fußballspielern gesagt: „Kommt herein da in die Waschkuchl, da ist Wasser genug. Da könnt ihr euch umziehen und waschen.“ Und dadurch war das das Sportlokal und wir haben die Kantine auf dem Sportplatz gekriegt. Da war ja aber am Anfang nichts, keine Toilettanalage und nichts, das war ja nur eine Hütte. Wir haben das dann aufgebaut.