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Alois Saurer Alois Saurer Alois Saurer Alois Saurer Alois Saurer

Alois Saurer

13.09.1920, Pinkafeld
Schuhmacher und –händler
5 VS, 3 HS, 2 HAS Oberwart
7 Kinder

Schulzeit

Von der Hauptschule bin ich um halb vier Uhr heimgekommen, und habe in der Werkstatt von meinem Vater zwei Paar Besohlungen machen müssen, und um sieben bin ich dann Aufgabe machen gegangen. Wer frei gehabt hat, war auf der Wiese oder am Waldrand und hat dort gespielt. Wir waren viel in der Natur heraußen, wir haben jeden Baum und jedes Vogerl beim Namen gewußt.

Meine Eltern haben ja die ungarische Schule besucht. Und wie wir Kinder waren, so vier, fünf Jahre, da hat die Hautevolee in Pinkafeld nur ungarisch geredet. So habe ich viel ungarisch gehört. Und wenn wir Kinder gegangen sind, da haben wir nicht „Grüß Gott“ gesagt, sondern „keszet csokolom“ (Küß die Hand), das war das übliche.

In Pinkafeld hat es damals nur Handwerker gegeben, da gab’s keine Fertigware. Wir haben sehr viele Schneider und Schuster gehabt. Mein Vater hat 1919 die Werkstätte da in Pinkafeld gegründet. Es hat 17 Schuhmacher gegeben, Schneider noch und nöcher, das war ja alles Handarbeit.

Lehrzeit

Ich bin mit 15 von der Schule herausgekommen und hab dann beim Vattern die Lehre gemacht. Ich war eine Abenteuerernatur. Ich wollte fort, weit, weit fort. Und da haben wir die Schuhhandelzeitung gehabt, und da ist die Anzeige drinnen gewesen, daß ein Schuhhändler in Fulda, in Thüringen, einen Voluntär aufnimmt. Und ich bin dort hingekommen. Und dann hat er gesagt: „Herr Saurer, was wollen Sie denn lernen bei mir? Sie können ja eh schon alles.“ Na, und dann hat er mich allein wirtschaften lassen, dabei war ich der Jüngste, der Lehrbub. Ich hab die Kassa gehabt, hab abgerechnet, und das mit 19 Jahren. In dem Schuhgeschäft waren 24 Verkäuferinnen, da war ich der Hahn im Korb.

Wie ich noch in Pinkafeld war, bin ich mit 16 Jahren schon ein Illegaler gewesen. Um die Jugend hat sich ja niemand geschert damals. Da waren Arbeitslose noch und noch, Hunger hat ein jeder gehabt, so waren die Zeiten. Und der Hitler ist gekommen – ich will den Hitler ganz sicher nie wieder zurück – aber auf einmal hat ein jeder Arbeit gehabt. Damals ist auch die Oberwarter Straße gebaut worden, als Betonstraße.

In Frankfurt am Main bin ich dann eingezogen worden, ich war berittener Funker... Aber – war auch nicht schön. Man hat unserer Generation die Jugend gestohlen: mit 19 Jahren eingerückt, mit 25 Jahren heim. Ich bin drei Mal verwundet worden.

Kennenlernen des Ehepartners und Heirat

Meine Frau ist aus Gotha, aus Thüringen gewesen. Dort waren zwei Kasernen, und ich bin als Verwundeter dort hingekommen und hab dort in der Kanzlei gearbeitet. Bis zu zehn Seiten hab ich da stenographieren müssen. Am Sonntag hab ich nicht gewußt, was ich machen soll. Wirtshausgeher bin ich keiner, und da schau ich beim Fenster hinaus, und im Haus gegenüber hat gerade eine das Fenster geputzt. Na, und da habe ich hinübergerufen und gleich am ersten Tag sind wir ausgegangen. Und dann haben wir nicht nach Haus gehen können, weil Fliegeralarm war. Jetzt sind wir erst nach 12 heimgekommen. Und einmal im Schloßteich von Gotha, da hab ich ihr Karpfen herausgefischt, in der Nacht. Fliegeralarm war, die Flak hat geschossen, und ich hab gefischt. Meine Frau hat eine Aktentasche gehabt, da haben wir die Fische dann hineingesteckt.

Dann haben wir im 43er Jahr in Deutschland geheiratet, und im Jänner 44 dann noch einmal in Wien, Maria am Siege, da habe ich Urlaub gekriegt, da sind meine Eltern und Verwandten dann alle gekommen. Wir sind mit der Kutsche gefahren, mit Schimmeln.

Kriegsgefangenschaft

Ich bin dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft gekommen, in Thüringen. Pro Tag haben wir nur einen Viertelliter Erbsensuppe gekriegt. Ich war so weit, daß ich Brennesseln abgeschnitten und gekocht habe, nur um etwas zu essen. Und auf einmal hat es geheißen: „Zusammenpacken, ihr werdet verlegt“. Dort haben sie uns beim Bahnhof hineingetrieben, da waren so Absperrungen. „Ja, ihr kommt nach Frankreich,“ haben die Leute geschrieen. Da sage ich: “Was mache ich in Frankreich?“. Dann bin ich davongelaufen, und auf einmal war ich in der Gepäcksaufbewahrung. Und die Tür dort hinaus war außerhalb der Absperrung, und ich schau hinaus und da sehe ich eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Ich schaue sie an, sie schaut mich an, dann habe ich die Uniform ausgezogen und die Hemdsärmel aufgestrickt, die Kinder sind hereingekommen, ich hab eins links genommen und eins rechts und bin hinausmarschiert.

Dann war ich in russischer Gefangenschaft. Da haben wir nicht hungern müssen, wir haben immer das gleiche gekriegt, aber wir haben uns anessen können. Meine Frau war auch dort. Die habe ich ins Lager mitgenommen zu den Russen. Wie wir entlassen worden sind, sind wir nach Wr. Neustadt in die Entlassungsstelle, jetzt wollten sie meine Frau aber nicht hineinlassen. Da waren auch etliche Pinkafelder dort, und die haben einen Aufstand gemacht. Die haben gesagt: „Was, die war jetzt zehn Monate bei uns, und jetzt wollen sie sie nicht anerkennen?“ Von Wr. Neustadt sind wir dann zu Fuß nach Pinkafeld gegangen.

Nachkriegszeit

Dann sind wir heimgekommen, mit einem Rucksackerl, und der Aufbau hat angefangen. Das Lager war geplündert bei uns. In Pinkafeld hat es zwei Autos gegeben. Der Brenner Emil hat einen Steyr 50 gehabt und der Loser, der war Taxichauffeur. Und zwei Lastwagen: das Ziegelwerk und der Andauer & Friedrich, ein Furnierwerk. Wir haben dann das Geschäft wieder aufgebaut. Da hat’s keinen Sonntag gegeben, da ist gehämmert und gearbeitet worden. Die Butter ist nur andeutungsweise übers Brot gestrichen worden, gerade daß es ein wenig fett war. Bei den Schwarzschlachtungen – da hat die Behörde nichts davon wissen dürfen - habe ich oft eine Sauhaut gekriegt, und die habe ich beim Grabner gegen Schweinsleder eingetauscht. Daraus habe ich dann Schuhe gemacht, so Sandalen. Die Leute haben ja nichts zum Anziehen gehabt. Und der „lange Hofer“, das war so eine Art Gemeindegendarm, der hat immer nur zehn und zehn ins Geschäft gelassen. So sind die Leute angestanden.

Das Haus, wo jetzt das Schuhgeschäft ist, das war früher eine Sodawassererzeugung und ein Gasthaus, das Gasthaus Schindler. Wie ich das alte Haus dann abgerissen habe, haben wir die alten Ziegel verwendet. Die waren nicht gleichmäßig groß, jetzt hat man halt viel Putz dazwischen geben müssen.

Der Catomio Luis, das war der Trommler, der hat immer die Kundmachungen verlesen. Dann hat er einmal gesagt: „Es wird kundgemacht: Sämtliche Nationalsozialisten melden sich mit Krampen und Schaufeln am Gemeindeamt, Schützengräben zumachen!“. Aber eine Angestellte von uns und meine Schwester, die haben das für mich gemacht, und ich hab derweil in der Werkstatt gearbeitet und Schuhe gemacht. Es war ja der Bedarf da. Dann haben wir einmal tote Russen ausgraben müssen. Etliche waren mit Sarg eingegraben und etliche ohne... Den Trommler hat’s gegeben bis zu dem Moment, wo der Verkehr losgegangen ist. Dann hat er nicht mehr ansagen können, weil es zu laut war.

Konfessionen in Pinkafeld

In den 30er Jahren, da hat’s da in Pinkafeld auch ein paar Spannungen zwischen Katholischen und Evangelischen gegeben. Ich kann mich an einen Pfarrer erinnern, der hat sogar gesagt: „Schon der Hauch eines Katholiken ist schädlich“... Meine Frau war ja auch evangelisch, und wie wir nach dem Krieg nach Pinkafeld gekommen sind, da ist der Knotz Pfarrer gekommen und hat gesagt: „Sechs Kinder und zwei Religionen, das kann man nicht machen, in der Familie soll Einheit sein.“ Dann ist sie katholisch geworden. Aber später, wie die Kinder schon groß waren, hat sie gesagt: „Ich bereue, daß ich umgestanden bin“.

Ich hab auch verschiedene Steckenpferde gehabt, zum Beispiel habe ich da im Garten 30 Bienenvölker betreut. Außerdem habe ich gefischt, und vom Fischen bin ich dann zum Jagern umgestiegen. Ich war dann 35 Jahre Jäger, zuerst 20 Jahre da in Pinkafeld bei den Bundesforsten, und dann auch im Ausland, in Serbien, Ungarn, Rußland. Heute bin ich kein Jäger mehr, aber wir kommen immer noch ein Mal im Monat beim Stammtisch zusammen.